Neuer Blick auf das (Schul-)Fahrrad

Künstlerische Auseinandersetzung mit einem Alltagsgegenstand

Erstellt von Keu / Hoy |

Das Gymnasium Großburgwedel bietet Schülern neben dem normalen Unterricht auf der Stundentafel auch die großartige Möglichkeit, im Wahlpflichtunterricht Projektarbeit zu machen. Ganz ideal besonders im Fach Kunst, wo im WPK (Wahlpflichtunterricht Kunst) in den Jahrgängen 7, 8 und 9 Schülerinnen und Schüler intensiv an einem Thema arbeiten können. So beschäftigten sich die SuS des Jahrgangs 9 im Unterricht von Jürgen Keuneke mit dem Thema „Fahrrad“, um bei der künstlerischen Betrachtung einen typischen Alltagsgegenstandes zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Mit vielfältigen Aufgabenstellungen wurde versucht, sich dem Objekt – was die meisten Schüler ja tagtäglich begleitet – zu nähern. Anfangs (noch in der guten Wetterphase) skizzierten die Kurs-Teilnehmer im „Fahrradhof“ der Schule unterschiedliche Drahtesel in „Zeichnen nach Modell“. Nicht erlaubt waren dabei der Einsatz von Zirkel und Lineal, denn die Schülerinnen und Schüler sollten sich freihand in Bleistifttechnik die Formenwelt des Fahrrades erschließen. Die SuS lernten dabei, ein optisches Maß einzusetzen, um die Hürden zu überwinden, die ein großes Papierformat wie Din A3 so mit sich bringt. Über alle praktischen Tätigkeiten hinweg recherchierten die Schüler zum Thema – ein persönlicher Bezug zum Objekt sollte in einem abschließenden mehrseitigen Text dabei nicht zu kurz kommen. Texte im Kunstunterricht sollen nach Möglichkeit „bildlicher“ formuliert werden als in anderen Fächern! Denn einem (fremden) Leser sollen durch die Lektüre „Bilder im Kopf entstehen“. In der Praxis des WPK-Halbjahres gab es natürlich weitere Aufgaben zu lösen. Neben einer normalen technischen Zeichnung wurde ein Werk gestaltet, in dem auf den ersten Blick ein Fahrrad mit Fahrrad-Charakter zu sehen ist, das aber fahruntauglich ist. Seiner eigentlichen Funktion beraubt! Auch in die Zukunft des Bikes blickten die SuS, indem sie ein Fahrrad der Zukunft entwarfen. Um auch den Radfahrer der Zukunft zu beleuchten und den Schwerpunkt „Design“ des 9. Jahrgangs breiter zu fassen, wurde abschliessend ein neues Biker-Outfit entwickelt. Am letzten Tag des WPK-Kurses arbeiteten die Kursteilnehmer Hand in Hand an einer Ausstellung der Kurs-Ergebnisse in der Pausenhalle des GyGro, die innerhalb einer Doppelstunde „live“ vor Ort umgesetzt wurde. Es galt, Aufgabenstellungen an der Ausstellungswand zu beantworten und Ergebnisse schriftlich groß zu visualisieren. Zudem sollten die Schülerinnen und Schüler innerhalb von kürzester Zeit gemeinsam zwei Kunstwerke vor der Ausstellungswand realisieren, die reale Fahrräder im künstlerischen Kontext zeigen. Obwohl der Kurs (aus mehreren 9 Klassen zusammengesetzt) sehr groß war (33 Schüler) und daher Abstimmung untereinander, gute Organisation und exaktes Zeitmanagement sehr wichtig war, gab es schließlich beim finalen Klingeln der Schulglocke eine „Punktlandung“ ;-) Die Ausstellung war fertig! Den Besuchern bot sich in der Pausenhalle nun folgende Ausstellung:

 

1. AUSSTELLUNGSWAND mit Kursüberblick, Ergebnis-Schlagwörtern, Fahrrad-Gedichten, Antworten zu breitgefächerten Fragestellungen in Textform

2. KUNSTWERK 1: Eingepacktes Fahrrad im „Empaquement-Stil“ (à la Christo) mit dem Titel „AB IN DIE KÜCHE“

Ausgestellt wird ein Touren-Fahrrad von heute (Herren-Fahrrad mit Gangschaltung etc.), das von den Schülerinnen und Schülern mit weißem Küchenpapier, Schnur und Krepp-Klebeband komplett eingepackt wurde. Auf dem Gepäckträger befindet sich eine ebenfalls eingepackte Kiste, in der die Projektmappen des Kurses stecken. Jede Projektmappe ist mit einer langen Schnur mit dem eingepackten Fahrrad verbunden.
Durch die Verpackung bekommt der Betrachter einen anderen Blick auf die Formen des Fahrrades, lässt sich nicht mehr von unwesentlichen Details ablenken. Muss das Fahrrad auch als Ganzes betrachten. Unwichtig werden u.a. Fahrradmarke, Art des Bikes, Zusatzfeatures (wie z.B. ein Navigationsgerät), Anzahl der Gänge, metallischer Glanz – und das Farbdesign. Trotzdem ist der Fahrrad-Charakter erhalten – und prägt sich ein. Zudem kann nur ein Fahrrad diese speziellen Falten und Knicke der Verpackung hervorrufen – kein anderes Objekt. Und wie das immer so ist: Eine Verpackung erweckt Erwartungen und Gefühle, macht neugierig auf den Inhalt! Somit wird dadurch der Inhalt auf eine höhere Stufe gestellt, als er eigentlich nackt und bloß in der Wirklichkeit ist. Wie im wirklichen Leben! Die Kurs-Teilnehmer geben dem Objekt, in einen neuen Ausstellungskontext gestellt, neue Kleidung und Schutz (als bekanntes Kunstwerk nun für alle Ewigkeit ;-)

3. KUNSTWERK 2: Installation des Gebrauchsgegenstandes Fahrrad im sogenannte „Ready Made“-Stil (à la Dadaisten) mit dem Titel „SIXTIES & SEVENTIES BACK TO THE FUTURE“

Ausgestellt wird ein originales altes Fahrrad ohne Gangschaltung mit auffälliger bauchiger Lampe, mit dem ein Schüler wirklich in den 60er und 70er Jahren tagtäglich zur „Penne“ gefahren ist . Das Fahrrad wurde so verrostet und verstaubt, wie es gerade aus einem Keller gezogen wurde, nun auf einer grünen Matte drapiert und gegen die Ausstellungswand gestellt. Aus einer alten Tasche, die auf den Gepäckträger des schwarzen Retro-Rades mit seiner originellen schwarzen Lampe geklemmt ist, erklingt in einer Endlosschleife Musik, die der Schüler während seiner Schulzeit gehört hat: Rock´n´Roll, Rock, Blues, Glamrock und Pop der 60er und 70er. Der Rost und Dreck am Fahrrad (dem dazu die Luft ausgegangen ist), gehört bei diesem Kunstwerk (das Spuren der vergangenen Zeit sichert) einfach dazu!

 

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